Über Kanada: Einwanderung
Als Einwanderungsland mit langer Tradition zieht Kanada Menschen aus aller Welt an, die das Land zu einer ethnisch und kulturell hochgradig differenzierten Gesellschaft haben werden lassen. Etwa jede fünfte Person, die in Kanada lebt, ist nicht im Land selbst geboren, in Städten wie Toronto liegt dieser Anteil sogar bei 44%. Dass Einwanderer eine ökonomische und kulturelle Bereicherung der eigenen Gemeinschaft sind – darüber herrscht in Kanada weitgehend Konsens.
Es verwundert daher nicht, dass Kanada ein Regelwerk als Rahmen geschaffen hat, wonach Einwanderer entweder auf der Basis eines Punktesystems, aufgrund enger familiärer Bindungen nach Kanada oder humanitären Gründen ausgewählt werden. Kanada achtet auch in einem sehr hohen Maße auf die Bedürfnisse der Neuankömmlinge und bietet Sprachkurse und Programme zur sozialen Eingliederung in Zusammenarbeit mit regional bzw. lokal tätigen gemeinnützigen Gruppen an.
Historische Grundlagen
Die heutige Bevölkerungszusammensetzung Kanadas ist das Ergebnis eines sich über mehrere Jahrhunderte erstreckenden Einwanderungsprozesses. Die Vorfahren der kanadischen Ureinwohner kamen vor ungefähr 32.000 Jahren über eine Landbrücke aus Asien in das Gebiet des heutigen Kanada. Die ersten Europäer, die sich kurzzeitig in Kanada niederließen, waren die Wikinger. Sie etablierten um das Jahr 1000 eine Siedlung in L’Anse aux Meadows (Newfoundland). Aber es dauerte noch weitere 500 Jahre bevor andere Europäer nach Kanada kamen, um das Land für sich zu entdecken. Als Folge dieser Entdeckungsreisen wurde Kanada zu einem Ort, der viele Zuwanderer aufnahm. Lange Zeit waren es französische und britische Einwanderer, die den Großteil der Zuwanderung ausmachten. Im Jahr 1867, dem Gründungsjahr der kanadischen Konföderation, gehörten rund 90% der Gesamtbevölkerung des Landes zu den so genannten charter groups, d.h. den Nachfahren französischer und britischer Einwanderer, die seit dieser Zeit auch als die Gründernationen bezeichnet werden. Diese Gruppe siedelte insbesondere im Osten des Landes: die Bewohner französischen Ursprungs vor allem in Québec und diejenigen englischer, schottischer und irischer Abstammung verbreiteten sich vor 1867 gleichmäßig in allen Teilen des Landes. Englisch-sprachige Siedler, die auch als United Empire Loyalists bezeichnet wurden, wanderten aus den neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika am Ende des 18. Jahrhunderts ein. Sie ließen sich im heutigen Südquébec, Ontario und den Atlantikprovinzen nieder.
Ein sehr viel bunteres Mosaik ethnischer Gruppen bildete sich in den Prärieprovinzen heraus. Mit Hilfe zahlreicher Vergünstigungen, wie verbilligte Tarife bei der Anreise und niedrige Kredite für den Landerwerb, vermochte die 1896 an die Macht gekommene liberale Regierung unter Sir Wilfrid Laurier die westlichen Provinzen einem großen Kreis von auswanderungswilligen Europäern schmackhaft zu machen. Anders als zu Beginn der Kolonisation kamen die Einwanderer jetzt aus ganz unterschiedlichen Ländern, so vor allem aus Russland und der Ukraine, aus Deutschland, Skandinavien, Polen und den Niederlanden. Lauriers Bemühungen um die Besiedlung und damit auch Erschließung des Westens hatten Erfolg: so stiegen die Immigrantenzahlen im Jahre 1903 auf über 100.000 und erreichten in den Jahren 1911 bis 1913 Rekorde mit bis zu 400.000 Einwanderern pro Jahr.
Dies änderte sich drastisch während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren sowie im darauf folgenden Zweiten Weltkrieg. Aufgrund einer restriktiveren Einwanderungspolitik ging die Zahl der nach Kanada kommenden Einwanderer jährlich zurück. Nach 1945 verstärkte sich die Einwanderung allerdings erneut.
Die zunächst trostlose Lage und Zerstörung im Nachkriegseuropa, aber auch die Unterdrückung in Osteuropa, wie sie zum Beispiel in der blutigen Niederschlagung von Aufständen 1956 in Ungarn zum Ausdruck kam, veranlassten zahllose Einwanderer zu versuchen, sich in Kanada ein neues Leben aufzubauen. Da Kanada Arbeitskräfte suchte, eröffnete die Regierung Einwanderungsbüros in ganz Europa und förderte die Zuwanderung von Personen, die gesund waren, einen guten Leumund hatten sowie bereit waren gleich nach ihrer Ankunft zu arbeiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die meisten Immigranten nicht nur aus Großbritannien, Deutschland und anderen west- und nordeuropäischen Ländern, sondern zunehmend auch aus Italien, Griechenland und Portugal. In den folgenden Jahrzehnten florierte die europäische Wirtschaft und in Europa wanderten Gastarbeiter immer mehr innerhalb des Kontinents. Die europäische Einwanderung nach Kanada ebbte ab und war bis zur Volkszählung im Jahr 2001 bis auf 17% der jährlichen Zuwanderung gefallen.
Seit 1967 hingegen hat die Zahl der aus anderen Weltregionen stammenden Einwanderer, wie z. B. Asien, Afrika und Lateinamerika stetig zugenommen. Kanada nimmt seit 1991 jährlich insgesamt 250.000 Einwanderer auf. Außerdem heißt Kanada jedes Jahr 20.000 ausländische Arbeiter, die eine befristete Zeit in Kanada verbringen, sowie 30.000 ausländische Studenten willkommen, von denen sich einige später dazu entscheiden kanadische Einwanderer zu werden. Von den 1,8 Millionen Immigranten, die im Zeitraum 1991 bis 2001 nach Kanada kamen, stammten 58% aus Asien, die meisten davon aus China, Indien und Pakistan. Ganze 73% aller in diesem Zeitraum Zugewanderten ließen sich in einer der drei großen Metropolen des Landes nieder – mit der Folge, dass der Anteil der nicht in Kanada geborenen Migranten an der Gesamtbevölkerung Torontos, Montreals und Vancouvers im Vergleich zu anderen nordamerikanischen Städten überproportional hoch ist. Toronto nimmt mit einem Anteil von 44% nicht in Kanada geborener Einwohner sogar einen weltweiten Spitzenwert ein.
Das gegenwärtige Einwanderungsmodell
Der Gedanke, dass der kontrollierten und staatlich gesteuerten Einwanderung ein zentraler und für die Zukunft des Landes unabdingbarer Status zukommt, wurde zuerst am Ende des 19. Jahrhunderts von der Regierung Sir Wilfrid Lauriers eingeführt und wurde zu einem unumstrittenen Prinzip kanadischer Politik. So setzte sich unabhängig von der Parteizugehörigkeit die Auffassung durch, dass sich Kanada nicht nur mit Blick auf die politischen und humanitären Werte, denen sich die kanadische Gesellschaft verschrieben hatte, stärker öffnen müsse; auch die ökonomischen und demographischen Herausforderungen, denen sich Kanada angesichts der Knappheit spezialisierter Arbeitskräfte und der Alterung der Gesellschaft gegenüber sah und im Übrigen nach wie vor sieht, erforderte ein solches Vorgehen.
Im Jahr 1967 wurde das auf Herkunftsland oder Ethnizität basierende Auswahlprinzip von Einwanderern durch die Einführung eines Punktesystems und dem Prinzip der Universalität endgültig abgeschafft. Universalität bedeutet in diesem Zusammenhang, dass alle aus der ganzen Welt kommenden zukünftigen Einwanderer nach einem gemeinsamen Standard beurteilt werden. Nach dem Punktesystem wurden Alter, Ausbildung, Sprachkenntnisse und Arbeitserfahrung sowie andere Faktoren, die im Zusammenhang mit dem Aufbau einer erfolgreichen wirtschaftlichen Basis in Kanada stehen, die Schlüsselkriterien für eine erfolgreiche Einwanderung. Jedes dieser Kriterien wird mit einer vorbestimmten Anzahl von Punkten versehen. In den meisten Fällen wird das Punktesystem auch für business immigrants d.h. Unternehmer und Investoren, die Kapital ins Land bringen und Arbeitsplätze schaffen, angewandt.
Außerdem gibt es zwei weitere Kategorien von Zuwanderern. Während die Kategorie für Flüchtlinge die humanitäre Komponente der kanadischen Einwanderungspolitik darstellt, ist die im Rahmen der Familienzusammenführung erfolgende Migration Teil der kanadischen Sozialpolitik. Dabei dürfen ausschließlich jene Angehörigen von kanadischen Staatsbürgern bzw. mit einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung in Kanada lebenden Fremdstaatsbürgern einwandern, die als Ehegatten, Kinder, Eltern und Großeltern in einer Verwandtschaft ersten Grades stehen. Für sie muss der in Kanada lebende Familienangehörige bürgen, sich also dazu verpflichten, die betreffende Person, je nach Verwandtschaftsart, bis zu zehn Jahren finanziell zu unterstützen.
Entferntere Verwandte müssen sich hingegen wie alle anderen potentiellen Immigranten ohne verwandtschaftliche Beziehungen zu Einheimischen über das Punktesystem qualifizieren. Es gibt zudem die Möglichkeit, sich im Rahmen des Provincial Nominee Programme um ein Einwanderungsvisum in eine bestimmte Provinz bzw. ein bestimmtes Territorium zu bewerben. Die Zahl der über dieses Programm zuzulassenden Antragsteller hängt von den berufsspezifischen Bedürfnissen des jeweiligen Arbeitsmarkts sowie von anderen wirtschaftlichen und sozialen Faktoren ab und variiert von Provinz zu Provinz bzw. Territorium zu Territorium.
Laut kanadischer Verfassung teilen sich der Bund und die Provinzen bzw. Territorien die Verantwortung der Auswahl und Eingliederung von Immigranten. 1986 unterzeichnete Québec als erste Provinz eine Einwanderungsvereinbarung mit der Regierung Kanadas: den Canada-Québec Accord. Dieses Abkommen erlaubt der Provinz Québec diejenigen Einwanderer auszuwählen, die ihren Einwanderungsbestimmungen am besten entsprechen und die sich am besten in ein weitgehend französischsprachiges Umfeld eingliedern können. Heute haben fast alle Provinzen und Territorien ähnliche Provincial Nominee Programme eingeführt. Unabhängig davon, über welches Programm bzw. welche Zulassungskategorie einem Bewerber die Erlaubnis auf Einwanderung nach Kanada erteilt wird – eingebürgert werden kann man frühestens nach drei Jahren regulären Aufenthalts als permanent resident of Canada. Die bisherige Staatsbürgerschaft muss dabei nicht aufgegeben werden.
Government of Canada http://www.dfait-maeci.gc.ca/canada-europa/germany/aboutcanada1105-de.asp